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Die Fortbewegung durch das Dickicht der russischen Hauptstadt war einst für Ausländer so schwierig, dass sie einem Integrationstest gleichkam. Heute ist alles viel bequemer – und langweiliger.


«Fast wie zu Hause», denkt man und sinniert über die Globalisierung, die auch vor Moskau nicht haltmacht. (Bild: Alexander Zemlianichenko / AP)

Russland ist langweilig geworden. Nein, nicht wegen der Politik, die so vorhersehbar ist wie eine schlechte Soap-Opera. Die Rede ist von den Abenteuern des Alltags, die in Moskau und anderen Städten immer mehr verschwinden. Für Russlandkenner ist dies eine Tragödie, prahlten sie doch gerne mit ihren geheimen Pfaden durch das Dickicht des Molochs.

Die Metapher der Fortbewegung ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen, denn diese unterliegt in Russland geheimen Regeln, deren Entschlüsselung einst einem Integrationstest gleichkam. Die Fahrt mit der Metro war dabei noch einfach, genügte dafür doch die Entzifferung der kyrillischen Stationsnamen, die heute auch übersetzt sind. Deutlich komplexer gestaltete sich der Transport in Bussen und wenig Vertrauen erweckenden Sammeltaxis. Fahrpläne gab es keine, die Stationen waren nur an der Seite angeschrieben, die Fahrer oft ungeduldig. Da hiess es schnell lesen oder in der Kälte warten, was zu Schweissausbrüchen führen konnte. Nun zeigt eine Transport-App der Firma Yandex minutengenau, wann der nächste Bus kommt und welches der schnellste Weg ist.

Fast schon schockierend ist allerdings, wie einfach es geworden ist, ein Taxi zu bestellen, stellte dies doch früher die Meisterprüfung für jeden Eingewanderten dar: Der Integrierte machte nie den Fehler, ein offizielles Taxi zu nehmen, das sich von den inoffiziellen nur dadurch unterschied, dass es viermal teurer war. Stattdessen winkte er furchtlos am Strassenrand und stieg in das zerbeulte Occasionsauto, das nach wenigen Sekunden unweigerlich anhielt. Dann wurde über den Preis verhandelt – mit ungewissem Ausgang, aber umso grösserem Triumphgefühl, wenn der Deal gelang. Heute erfolgt die Bestellung ebenfalls über eine App, rasch, günstig und sicher.

«Fast wie zu Hause», denkt man und sinniert über die Globalisierung, die auch vor Moskau nicht haltmacht. In Zeiten der geopolitischen Spannungen und herbeigeredeten Kulturkonflikte zwischen «russischen» und «europäischen» Werten ist das eigentlich tröstlich. Etwas Nostalgie bleibt trotzdem.

 

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