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Erdgas gilt als relativ klimafreundlich und Brücke ins postfossile Zeitalter. Doch Förderung und  Transport könnten klimaschädlicher sein als die Kohleverbrennung, behauptet das NGO-Netzwerk Bankwatch und fordert einen Baustopp für neue Gaspipelines in der EU. Das sehen aber nicht alle so.

Kohle und Öl schaden dem Klima und gehören schon bald in den Mülleimer der Geschichte. Doch wie steht es um das Erdgas? Hier scheiden sich die Geister. Die Erdgaslobby in der Europäischen Union tut alles, um den fossilen Brennstoff als saubere Alternative zu verkaufen.

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Zwei große Pipelineprojekte sollen schon 2020 für mehr Erdgas in der EU sorgen – für Umweltschützer sind das Fehlinvestitionen. (Foto: Gazprom)

Erdgas sei ein "innovativer, kostengünstiger und klimaschonender Energieträger", wirbt die deutsche Lobbyinitiative "Zukunft Erdgas". Und in Brüssel hat die Erdgasindustrie für Lobby-Aktivitäten in nur einem Jahr 100 Millionen Euro ausgegeben, um den neuen "Klimaretter" an den Mann zu bringen.

Doch nimmt man den Klimaschutz ernst, hat der fossile Brennstoff nur eine Zukunft von gerade mal 32 Jahren. Bis 2050 sollen laut Pariser Weltklimaabkommen nämlich alle Staaten aus Kohle, Öl und Gas ausgestiegen sein, um das Weltklima nicht noch weiter aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Dennoch wird in Europa kräftig in neue Gasinfrastruktur investiert. So hat die Nord Stream 2 AG, die eine 1.200 Kilometer lange Gaspipeline von Russland durch die Ostsee nach Mecklenburg-Vorpommern plant, eine Genehmigung für 50 Jahre beantragt. Wann die zehn Milliarden Investitionskosten sich amortisiert haben, bleibt reine Spekulation – es könnte auch bis zu 20 Jahren dauern.

Ein weiteres Gasprojekt in der EU ist der sogenannte Southern Gas Corridor, dessen 3.500 lange Leitungen Erdgas aus Aserbaidschan nach Italien bringen soll. Die Investitionen liegen mit 45 Milliarden Euro noch um einiges höher als bei Nord Stream 2.

Klimakiller oder Brückentechnologie?

Das Argument der Pipelinebauer: Die EU brauche mehr Gas, wenn Kohle und Öl aus Klimaschutzgründen wegfallen. Betrachtet man die CO2-Emissionen allein aus der Verbrennung von Kohle und Gas, liegt Erdgas tatsächlich deutlich vorn.

Allerdings werden bei der Erdgasförderung und beim Transport große Mengen Methan freigesetzt. Das starke Klimagas ist laut Weltklimarat IPCC für etwa ein Viertel der menschengemachten Erderwärmung verantwortlich. Jüngere Studien zeigen, dass bisherige Schätzungen über den Umfang dieser Leckagen in dramatischer Weise zu niedrig angesetzt sind.

Das bestätigt jetzt eine Studie im Auftrag des zivilgesellschaftlichen Netzwerks CEE Bankwatch. Dafür untersuchten Wissenschaftler die Klimawirkung der Southern-Gas-Corridor-Pipeline. Das über 3.500 Kilometer transportierte Erdgas aus Aserbaidschan habe am Ende eine mindestens genauso große, wenn nicht eine höhere Klimawirkung als Kohle, so die Bilanz der Studie. Denn durch Lecks würden bei Förderung und Transport zwischen 2,4 und knapp sechs Prozent des Methans austreten, aus dem Erdgas hauptsächlich besteht. Laut Internationaler Energieagentur überhole das Erdgas die Kohle in der Klimschädlichkeit bei einem Schwellenwert von drei Prozent.

"Das Problem der Gaslecks haben alle Pipelines", sagt Regine Richter von der Umweltorganisation Urgewald. Die geplante Southern-Gas-Corridor-Pipeline werde jedoch im Gegensatz zu Nord Stream 2 auch noch öffentlich unterstützt: "Trotz Klimabedenken hat die Bundesregierung als Mitglied von Banken wie EBRDAIIB und Weltbank Kredite für die Pipeline bislang in jedem Fall zugelassen".

Neue Gas-Infrastruktur verzögert Energiewende

Richter sieht die Gefahr eines "Gas-Lock-ins", also einer Festschreibung der Erdgasverbrennung und des Verdrängens der Erneuerbaren zugunsten der eigentlich nur als Brückentechnologie geplanten Brennstoffe. "In Zeiten sinkender Preise für Erneuerbare sollte sehr genau geprüft werden, welche neue Infrastruktur noch geschaffen wird", so die Urgewald-Expertin.

"Mit steigender Transportstrecke entstehen höhere Emissionen in der Vorkette, unter anderem aufgrund des höheren Bedarfs an Transportenergie", bestätigt Energieexpertin Katja Purr vom Umweltbundesamt. Allerdings widersprechen die meisten Experten der These, Erdgas sei klimaschädlicher als Kohle – so auch Purr. "Für uns ist klar, dass konventionelles Erdgas gegenüber Braun- und Steinkohle eine eindeutig bessere Klimabilanz hat."

Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie, hält die These vom schmutzigen Erdgas ebenfalls für widerlegt: "In der Relation bleibt Erdgas in jedem Fall klimavertäglicher als Öl und Kohle." Das Wuppertal-Institut habe schon vor mehr als zehn Jahren umfangreiche Messungen zusammen mit dem Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie in Russland durchgeführt. "Auch und gerade unter Berücksichtigung dieser Daten bleibt Erdgas klimaverträglicher als Öl und Kohle", so Fischedick.

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Die Rohre für die geplante zweite Ostseepipeline liegen schon im Hafen Mukran auf Rügen bereit – doch der Widerstand gegen Nord Stream 2 wächst. Auch Umweltschützer machen derzeit mit einem offenen Briefmobil. (Foto: Götze)

Doch auch das Umweltbundesamt betont, dass es sich nur um eine Übergangstechnologie handelt, die das Klima trotzdem belastet. Energieexpertin Purr: "Wir müssen an einem System arbeiten, das vollständig auf erneuerbare Energien setzt und in keinem Bereich fossile Energieträger verwendet."

 

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